EU Cloud Sovereignty Framework
In diesem Abschnitt geht es über die Datensouveränität hinaus. Digitale Souveränität umfasst weit mehr als Datensouveränität. Für Unternehmen und Privatpersonen ist schon viel erreicht, wenn sie Datensouveränität erreichen, dann damit sind meistens auch andere Aspekte der digitalen Souveränität verbessert.
Datensouveränität ist somit der pragmatische Ansatz, der schon heute und oftmals mit überschaubaren Aufwand realisiert werden kann.
Doch nun zum EU-Framework, der juristisch betrachtet kein Gesetz ist, aber einen quasi-verbindlichen Charakter entfalten wird:
Klare Regeln, neue Chancen
Die Europäische Union hat mit dem „Cloud Sovereignty Framework“ im Oktober 2025 verbindliche Kriterien für die digitale Souveränität von Cloud-Diensten eingeführt. Das Framework definiert acht zentrale Souveränitätsziele und bewertet Anbieter anhand klarer Stufen, den SEALS-Level (Sovereignty Effective Assurance Levels) – mit direkten Auswirkungen auf Behörden und Unternehmen.
Was bedeutet das für Sie? Ob öffentliche Verwaltung oder Wirtschaft: Die neuen Vorgaben schaffen Transparenz und Sicherheit, stellen Cloud-Anbieter aber auch vor konkrete Herausforderungen. Erfahren Sie, was die Souveränitätsziele und SEAL-Level bedeuten.
Die Souveränitätsziele
| Bezeichner | Souveränitätsziel | Beschreibung |
|---|---|---|
| SOV-1 | Strategische Souveränität | Strategische Souveränität beschreibt den Grad, in dem die Dienste eines Cloud-Anbieters (oder Technologieunternehmens) im rechtlichen, finanziellen und industriellen Ökosystem der Europäischen Union verankert sind. Dabei werden die Stabilität der Eigentumsverhältnisse, der Einfluss der Unternehmensführung und die Übereinstimmung mit den strategischen Prioritäten der EU bewertet. |
| SOV-2 | Juristische & jurisdiktionelle Souveränität | Die rechtliche und gerichtliche Souveränität bewertet das rechtliche Umfeld, die Abhängigkeit von ausländischen Behörden und die Durchsetzbarkeit von Rechten, die die Services eines Technologieanbieters regeln. Sie bestimmt, inwieweit die Services in der europäischen Gerichtsbarkeit verankert und vor externen Rechtsansprüchen geschützt sind. |
| SOV-3 | Daten- und KI-Souveränität | Die Daten- und KI-Souveränität konzentriert sich auf den Schutz, die Kontrolle und die Unabhängigkeit von Datenbeständen und KI-Diensten innerhalb der EU. Sie befasst sich damit, wie Daten gesichert werden, wo sie verarbeitet werden und inwieweit Kunden die Kontrolle über KI-Funktionen behalten. |
| SOV-4 | Operative Souveränität | Die operative Souveränität misst die praktische Fähigkeit der EU-Akteure, eine Technologie unabhängig von ausländischer Kontrolle zu betreiben, zu unterstützen und weiterzuentwickeln. Sie konzentriert sich auf die Kontinuität des Betriebs, die Verfügbarkeit von Fachkräften und die Widerstandsfähigkeit gegenüber externen Abhängigkeiten. |
| SOV-5 | Lieferketten-Souveränität | Lieferketten-Souveränität bewertet die geografische Herkunft, Transparenz und Widerstandsfähigkeit der Technologie-Lieferkette und konzentriert sich dabei darauf, inwieweit kritische Komponenten und Prozesse unter der Kontrolle der EU bleiben oder Abhängigkeiten außerhalb der EU ausgesetzt sind. |
| SOV-6 | Technologische Souveränität | Technologische Souveränität bewertet den Grad an Offenheit, Transparenz und Unabhängigkeit der zugrunde liegenden Technologieplattform und stellt sicher, dass Akteure in der EU Lösungen interoperabel einsetzen, prüfen und weiterentwickeln können, ohne an ausländische proprietäre Systeme gebunden zu sein. |
| SOV-7 | Sicherheits- und Compliance-Souveränität | Sicherheits- und Compliance-Souveränität mißt das Ausmaß, in dem Sicherheitsmaßnahmen, Compliance-Verpflichtungen und Resilienzmaßnahmen innerhalb der EU kontrolliert werden, um die Unabhängigkeit von ausländischen Gerichtsbarkeiten und die langfristige Betriebssicherheit zu gewährleisten. |
| SOV-8 | Umweltbezogene Nachhaltigkeit | Die ökologische Nachhaltigkeit bewertet die Autonomie und Widerstandsfähigkeit von Cloud-Diensten auf lange Sicht in Bezug auf Energieverbrauch, Abhängigkeit und Rohstoffknappheit. |
Der Grad der Erfüllung der Souveränitätsziele wird mit den SEAL-Leveln messbar gemacht.
| Souveränitätswirksamkeitsstufen | Beschreibung |
|---|---|
| SEAL-0 | Keine Souveränität: Services, Technologien oder Operationen unter der ausschließlichen Kontrolle von Nicht-EU-Dritten, die vollständig in Nicht-EU-Rechtsordnungen geregelt sind. |
| SEAL-1 | Jurisdiktionelle Souveränität: EU-Recht gilt formal mit begrenzter praktischer Durchsetzbarkeit; Services, Technologien oder Operationen unter der ausschließlichen Kontrolle von Nicht-EU-Dritten. |
| SEAL-2 | Datensouveränität: EU-Recht anwendbar und durchsetzbar, wobei wesentliche Abhängigkeiten von Nicht-EU-Ländern bestehen bleiben; Services, Technologien oder Operationen unter indirekter Kontrolle von Nicht-EU-Dritten. |
| SEAL-3 | Digitale Resilienz: EU-Recht anwendbar und durchsetzbar, EU-Akteure üben bedeutenden, aber nicht vollständigen |
| SEAL-4 | Volle digitale Souveränität: Technologien und Operationen unter vollständiger EU-Kontrolle, unterliegen ausschließlich EU-Recht, ohne kritische Abhängigkeiten von Nicht-EU-Ländern. |
Die SEAL-Level (Sovereignty Effectiveness Assurance Levels) bieten Auftraggebern eine Grundlage, um Cloud-Angebote zu bewerten und regulatorische Vorgaben gezielt umzusetzen. Die EU setzt damit Anreize für Anbieter, Abhängigkeiten zu reduzieren und durch europäische Standorte, Open-Source-Technologien sowie transparente Lieferketten mehr Souveränität zu schaffen.
Für jedes der acht definierten Souveränitätsziele legt die EU verbindlich fest, welches Mindest-Souveränitätsniveau (SEAL-Level) erreicht werden muss. Diese Anforderungen werden in den Ausschreibungsunterlagen konkret benannt. Cloud-Anbieter, die auch nur in einem Bereich das geforderte SEAL-Level unterschreiten, gelten als nicht geeignet und werden bereits im Vergabeverfahren ausgeschlossen. Entscheidend ist somit nicht die Exzellenz in Einzelbereichen, sondern eine durchgängig souveräne Gesamtarchitektur, die allen EU-Vorgaben entspricht.
Diese Regelung garantiert, dass keine sicherheitskritischen Risiken durch „Teil-Souveränität“ entstehen. Stattdessen schafft sie klare, überprüfbare Standards – für Anbieter wie für Prüfer. So wird sichergestellt, dass Ihre Cloud-Lösung den höchsten Anforderungen an Datensicherheit, Compliance und europäische Digitalhoheit gerecht wird.
Assesment und Sovereignty Score: Mehr als nur Mindestanforderungen
Damit der Sovereignity Score berechnet werden kann, braucht es vorab ein Assesment, das nach folgenden Regeln erfolgt.
Ein öffentliche Auftraggeber bewertet die Souveränitätsziele anhand der im Fragebogen der Ausschreibung gestellten Fragen. Die Fragen zur Bewertung der Wirksamkeit der Souveränitätsziele werden mit dem Verweis auf das Souveränitätsziel (d. h. SOV-0 bis SOV-8) gekennzeichnet, zu dem die Antwort beiträgt.
Die Faktoren, die bei der Bewertung eines jeden Ziels eine Rolle spielen, sind in der folgenden Tabelle beschrieben:
| Souveränitätsziel | Beitragende Faktoren |
|---|---|
| SOV-1 Strategische Souveränität |
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| SOV-2 Juristische & jurisdiktionelle Souveränität |
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| SOV-3 Daten- und KI-Souveränität |
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| SOV-4 Operative Souveränität |
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| SOV-5 Lieferketten-Souveränität |
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| SOV-6 Technologische Souveränität |
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| SOV-7 Sicherheits- und Compliance-Souveränität |
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| SOV-8 Umweltbezogene Nachhaltigkeit |
|
Neben den SEAL-Leveln führt die EU den Sovereignty Score ein – ein Bewertungssystem, das Cloud-Angebote nicht nur auf Mindeststandards prüft, sondern ihre Gesamtsouveränität quantitativ vergleicht. Selbst wenn alle Anbieter die geforderten SEAL-Level erfüllen, ermöglicht der Score eine qualitative Differenzierung:
- Wie unabhängig ist das Angebot? – technisch, rechtlich, operativ und strategisch?
- Welche Nachweise und Zusicherungen kann der Anbieter konkret vorlegen?
Ein Anbieter, der in mehreren Bereichen SEAL-4 erreicht, erhält einen höheren Score als einer, der nur die Mindestanforderungen (z. B. SEAL-3) erfüllt. Der Score wird aus gewichteten Teilergebnissen für alle acht Souveränitätsziele berechnet und entscheidet so über die Platzierung im Ausschreibungsranking.
| Souveränitätsziel | Gewichtung |
|---|---|
| Strategische Souveränität (SOV-1) | 15 % |
| Juristische & rechtliche Souveränität (SOV-2) | 10 % |
| Daten- und KI-Souveränität (SOV-3) | 10 % |
| Operative Souveränität (SOV-4) | 15 % |
| Lieferketten-Souveränität (SOV-5) | 20 % |
| Technologische Souveränität (SOV-6) | 15 % |
| Sicherheits- und Compliance-Souveränität (SOV-7) | 10 % |
| Umweltbezogene Nachhaltigkeit (SOV-8) | 5 % |
Die Lieferketten-Souveränität (20 %) und strategische Souveränität (15 %) sind die am stärksten gewichteten Kriterien, während ökologische Nachhaltigkeit (5 %) zwar berücksichtigt, aber weniger stark gewichtet wird.
Berechnung des Sovereignty Score: Der Score wird nach einer festen Formel berechnet und ergibt ein prozentuales Gesamtergebnis. Er dient als eigenständiges Qualitätskriterium in der Ausschreibung – neben klassischen Faktoren wie Preis oder Leistungsumfang. Ein höherer Score bedeutet eine bessere Bewertung der digitalen Souveränität.
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